Wohnatmosphäre auf 2,6 Quadratmetern

w1200_h812_x599_y405_RP_Schneckenhaus2919-7539ee124a4641e8.jpg
Schneckenhouse Gründer Roman Zuk und sein umgebauter Mini-Van. Foto: Ilgner,Detlef (ilg)/Ilgner Detlef (Ilg)

Mönchengladbach. Das Start-Up "Schneckenhouse" will praktische Möglichkeiten anbieten, um Fahrzeuge jeder Art zu Campern umzubauen. Gründer Roman Zuk zeigt dies im Selbstversuch. Von Alexandre Kintzinger

"70 Sachen besitze ich noch, den Rest habe ich entweder verkauft oder verschenkt. Brach man alles nicht so", erzählt Roman Zuk Im grauen Anzug präsentiert der 31-jährige Gründer des Mönchengladbacher Start-Ups Schneckenhouse stolz seinen zum Wohnmobil umgebauten Minivan.

Der besagte Wagen, ein Dacia Dokker, steht derzeit auf einem Parkplatz an der Richard-Wagner-Straße, direkt vor dem NEW-Blauhaus. Auf den ersten Blick sieht das Fahrzeug unscheinbar aus. Beim Öffnen der beiden Hintertüren zeigt Roman Zuk jedoch, wie eine Fläche von 2,6 Quadratmetern zu einer "Wohn- und Arbeitsfläche" umgebaut werden kann. Die Inneneinrichtung sei weitestgehend "mehrfunktional" ausgerichtet.

Kernstück ist dabei der mit Metallschienen ausgestattete hölzerne Boden, ein von Zuk entwickeltes Produkt, welches als Fundament für weitere Erweiterungsmodule dient. Das Holz für die Module kommt aus nachhaltigen bewirtschafteten Wälder aus Europa.

Der Wagen beherbergt zwei Sitzbänke, die zu einem Bett umfunktioniert werden können sowie eine Trockentoilette. Zudem gibt es eine Kochnische mit LED-Beleuchtung, einen Wasserhahn, der auch als Außendusche fungiert, einen kleinen Kühlschrank, den integrierten Camping-Gaskocherherd sowie einen ausklappbaren Tisch. Zwei Wassertanks von 50 Litern stellen die Wasserversorgung sicher, mit denen man gut eine Woche auskommt, sagt Zuk. Der Strom für Licht, die Steckdosen und sonstige Elektronik wird einerseits über ein Solarmodul auf dem Dach erzeugt und zum anderen von einer Zweitbatterie geliefert, welche bei der Fahrt geladen wird. Eine Standheizung wärmt bei Bedarf den Wohnbereich. Sie wird mit Diesel direkt aus dem Tank des Wagens versorgt. Internet bezieht Zuk über einen mobilen W-Lan-Router mit Sim-Karte.

Für den Ausbau dieser Einrichtungen hat Zuk drei bis vier Monate aufgewendet. Bei seinen Installationen ist ihm wichtig, dass "die Sachen eine lange Lebensdauer haben, nachhaltig und wiederverwendbar sind", wie er erklärt. " Ich habe bewusst einen kleinen Wagengenommen um die Mehrfunktonalität zu zeigen." Er wolle auf kleinstem Raum das größtmögliche herausholen.

Den zum Wohnmobil umgebauten Dacia nennt Roman Zuk seit mittlerweile zwei Jahren sein Eigenheim. "Das schönste ist, dass der größte Garten der Erde nur einen Schritt vom Wagenentfernt ist", sagt er und preist dies als einen Vorteil der Mobilität.

Für die Idee von kompakten Raumausstattungen zeigte der heutige Unternehmensgründer schon mit 21 Jahre Interesse, als er einen Online-Artikel über einen Studenten aus London las. Dieser lebte über einen längeren Zeitraum in seinem Auto, welches er für diesen Zweck funktional umgestaltete. Zeitlich bis zur Gründung von Schneckenhouse im April 2019, studierte Zuk berufsbegleitend Maschinenbau an der FOM-Hochschule in Essen, nachdem er zuvor bei Oerlikon in Krefeld eine Ausbildung zum Industriemechaniker absolvierte. Die letzte berufliche Station vor der Gründung war die Aerzener Maschinenfabrik, wo er ab 2016 im Vertrieb tätig war.

Entscheidend für seinen Schritt in die Selbstständigkeit war zu dieser zeit ein "Roadtrip" von drei Wochen quer durch Europa im Sommer 2017. Für diese Reise durfte er den Firmenwagen von Aerzen, ein VW Passat nutzen. Er lebte während dieser zeit im Wagen, mit "Luftmatratze und Campingkocher", wie er sagte und sammelte Erkenntnisse bezüglich des Wohnens auf engstem Raum. Nach seiner Kündigung Ende 2017, fing er an ab März 2018 Seminare zum Thema Existenzgründung zu besuchen, Businesspläne zu erstellen. "Die ganze Palette", sagt er.

Nach der Gründung von Schneckenhouse im Jahr 2019, begann er dann den Dacia zum Wohnmobil umzubauen. Noch bevor die Ausstattungen fertiggestellt war, kündigte er seine 70-Quadratmeter-Wohnung in Essen. "Erfahren wie meine Zielgruppe lebt, war mir noch wichtiger", begründet er seine Entscheidung.

Ende 2019 bewarb sich Zuk erfolgreich beim Blauschmiede Existensgründungsprogramm in Mönchengladbach. Ab 2020 stehen ihm daher zwei Jahre Büroräume und Gelegenheiten der Vernetzung mit anderen Start-Ups im Blauhaus zu Verfügung. Parallel bezog er ab Februar 2020 für ein Jahr finanzielle Unterstützung über das NRW-Gründerstipendium.

Mitarbeiter beschäftigt der Gründer noch keine, Unterstützung für seine Arbeit erhält er von Studenten der Hochschule Niederrhein und von Förderprojekten.

Neben den Einbauprodukten bietet Zuk Hilfe für Camper-Umbauprojekte an. Darunter war ein Kunde, der Hilfe beim Umbau eines alten Bundeswehr-Kastenwagens benötigte. Ein weiterer war ein Stuntman, der für seine Stunts durch Deutschland reiste und ein Fahrzeug umbauen wollte, das ein Wohnfläche und eine Garage für seine Motorräder bieten sollte. Viel von dieser Beratung leistete er kostenlos. um die Bedürfnisse seiner Zielgruppe zu ergründen.

Anfang September 2021 geht sein Camperausbaukurs Online. "Im Bereich Camperausbau gibt es sehr viel Halbwissen", sagt Zuk. Der Kurs bietet eine Schritt für Schritt Anleitung an, von der richtigen Verlegung der Elektronik bis hin zur Informationen über TÜV konforme Installationen und Richtlinien. Für seine Idee sieht Zuk einen wachsenden Markt, in den sozialen Medien beobachte er einen Trend hin zum nachhaltigen Urlaub im selbst umgebauten Camper. Außerdem habe die Corona-Pandemie etwas gezeigt: "Die Leute haben festgestellt, dass man nicht mehrere Stunden fliegen muss, um schöne Orte zu sehen", sagt Roman Zuk.

Quelle: 

https://rp-online.de/nrw/staedte/moenchengladbach/moenchengladbach-camper-wohnausstattungen-fuer-den-kleinstem-raum_aid-62085293